Ein wenig Sozialphilosophie.
Hier der Auszug eines philosophischen Chatgespräches, das ich vor einiger Zeit hatte.
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2. HeroicDreams 06.Feb. - 20:51
Zur Belustigung… oder so. http://www.chick.com/de/reading/tracts/1352/1352f_01.asp?distE0100
3. XXX 06.Feb. - 21:55
auch lustig:
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,516532,00.html
phantastisch!
4. Heroic Dreams 06.Feb. - 21:58
Naja, ich muss ehrlich gesagt sagen, dass ich das politisch richtig finde. Auch wenn Holocaustleugnung moralisch natürlich abartig ist.
5. XXX 06.Feb. - 22:02
Ich finde es vollkommen falsch!
die Aussage ja rein historisch falsch (das ist ja auch nicht das Problem), aber es greift ziemlich die Menschenwürde an… und dafür hat man ja ne gewählte Regierung… wir haben vom AStA ja auch die AIDS-gibt es nicht Plakate verboten… weil wir diese Meinung für gefährlich hielten…
Das was da gezeigt wurde ist ein gefährliches Verständnis von Meinungsfreiheit…. aber da muss man klar schon aufpassen… ist ne Gradwanderung…
6. HeroicDreams 06.Feb. - 22:11
Naja, wenn man anfängt, gefährliche Meinungen zu verbieten, wer bestimmt dann, welche Meinungen gefährlich sind und welche nicht? Wo ist das objektive Kriterium, und wer kontrolliert das Ganze? Ich halte das für eine extrem gefährliche Sache. Ich habe nichts dagegen, wenn eine Einrichtung auf ihrem Gelände Regeln und Richtlinien erlässt, wie man sich auf diesem Gelände zu verhalten hat — was m.E. auch Einschränkung beim Aushang von Plakaten und der Vertretung bestimmter Ansichten einschließen kann (auch wenn es da Probleme gibt hinsichtlich der sog. akademischen Freiheit, die an einer Universität ja zumindest wünschenswert ist, und dem Umstand, dass die Uni ein Staatsbetrieb ist, theoretisch also in ihrer Verwaltungstätigkeit an die Grundrechte als Nichtzuverletzende gebunden ist, was den Möglichkeiten solcher Richtlinien doch Grenzen auferlegen mag). Aber bei mir persönlich klingeln immer die Alarmglocken, wenn der Staat sich in irgendeiner Form das Recht zugesteht, die Gedanken und Ansichten seiner Bürger inhaltlich zu beurteilen und ggf. zu verbieten, weil der Staat dann im Extremfall zu einem quasitheokratien Gebilde mutiert, dass beginnt, Dogmen zu proklamieren und mit Gewalt durchzusetzen. Und das sehe ich nicht nur beim Volksverhetzungsparagraphen, sondern z.B. beim Verfassungsschutz und den Verfassungsschutzberichten, die sich auch wunderbar als Instrumente zum Rufmord und zur behördlichen Fremdsteuerung unliebsamer Oppositionsparteien missbrauchen lassen.
7. XXX 06.Feb. - 22:14
Der Witz ist ja, es gibt kein Objektives Kriterium für Moral… Es gibt bestimmte Ansichten, die wir in der Gesellschaft teilen… in Hessen gibt es z.B. noch die Todesstrafe in der Verfassung… wenn morgen der Bund zusammenbrechen würde und die Hessische Verfassung also wieder gelten würde, glaubst du, da würde einer getötet werden?! Nee.. und warum? Weil die Meinung der Gesellschaft schwerer wiegt als die Verfassung… Das System der Gesellschaftlichen Konventionen ist natürlich schwierig, grad in Bezug auf Minderheitenrechte, aber ich finde, es hat trotzdem seine Berechtigung…
8. Heroic Dreams 06.Feb. - 22:27
Ich persönlich sehe das mit dem objektiven Kriterium für Moral anders. Zumal, wenn die Meinung des Mobs ohne Schranken herrscht (ein Zustand, den wir trotz allem gottseidank noch nicht völlig erreicht haben, da gewisse Reste des Rechtstaates sich beharrlich halten, auch wenn das BVerfG mit diversen Grunsatzurteilen schon gute Anstrengungen unternommen hat, die Grundrechte in ihrer Bedeutung zu verkehren und damit ihre Schutzfunktion aufzuweichen), dann gibt es auch kein Recht mehr. Wenn das Individuum sich nicht auf sein Recht berufen kann, und der Staat es nicht gewährleistet, sondern nach _Willkür_ handelt, und nur ein wenig Rücksicht darauf nehmen muss, wie viel die Untertanen sich gefallen lassen, bevor sie zu murren beginnen, dann ist für unsere Gesellschaft als eine freie der Ofen aus. Die kleinste Minderheit ist das Individuum; und wenn dessen Rechte vor der Mehrheit nicht sicher sind, dann sind Freiheit und Recht permanent bedroht. Deshalb widert mich eine ungezügelte Demokratie auch so an, weil sie im Prinzip die Antithesis der Freiheit ist. Demokratische Verfahrensweisen haben ihre Berechtigung nur in einem Rechtstaat, der der Macht der Mehrheit enge Grenzen setzt. Und ich persönlich möchte nicht daran denken, was in einem Gemeinwesen vor sich geht, das so komplett in allen Lebensbereichen durchpolisitiert (bissige Zungen würde von einer “totalitären Demokratie” sprechen) ist, dass alle über jeden bestimmen können. Sokrates ist nicht umsonst in Athen gestorben.
Moral bezieht sich auf das, was für das Leben und Gedeihen eines Menschen objektiv erforderlich ist. Und eine gute, moralische Gesellschaft ist diejenigen, die die Rahmenbedingungen dafür schafft, dass jedes Individuum sich die Werte erarbeiten kann, die sein Leben gedeihlich machen. Eine Gesellschaft, in der die Rechte des Individuums nicht mehr geschützt sind, sondern sich in Erlaubnisse verwandeln, die die Mehrheit jederzeit zurücknehmen kann, ist eine Gesellschaft, die menschenwürdiges ( im Sinne von: Menschen angemessenes) Leben zunehmend unmöglich macht, weil sie den Menschen die Freiheit, Werte durch eigene Arbeit und Tausch zu erwerben, nimmt, und damit ihre primäre Lebensgrundlage. Und an deren Stelle setzt sie dann einen vielschichtigen Komplex institutionalisierter, wechselseitiger Ausbeutungsverhältnisse… alle werden zu Sklaven von allen …
9. XXX 06.Feb. - 22:57
also ich glaube ja eigentlich nicht, dass ohne geschriebenes Recht ein Chaos ausbrechen würde… Dennoch halte ich das Recht und den Staat für notwendig… Der Staat als garant für Eigentum und den Schutz des Einzelnen und so…
Allerdings muss man aufpassen, dass sich das Recht nicht verselbstständigt, was es in Spanien getan hat meiner Meinung nach… Moral existiert immer nur in einem Gemeinschaftlichen Kontext… Unsere Vorstellung von Moral ist zwar mit Kant sehr schön ausgedrückt, diese legt auch nahe, dass es objektive Kriterien gibt, aber ich erlaube mir doch die Frage, ob nicht auch bestimmt Ansichten über Moral Kinder einer bestimmten Zeit sind und sich immer in Abgrenzung zu vorrangegangenen Epochen stellen… Natürlich hat das Recht eine gewisse zwingende Eigenschaft. Es stimmt aber mit den fundamentalen Grundsätzen mit unserer Moral überein. Was würdest du sagen, wenn die Religionsfreiheit zum Beispiel über die Menschenwürde gestellt würde, wie es mit der Meinungsfreiheit getan wurde? Irgendwo würde dann das Recht gegen deine Überzeugung sprechen… Das Recht ist ein Instrument der Gesellschaft… Die Gesellschaft ordnet sich unter, weil sie es für gut befunden hat.. aber das Recht bleibt für die Menschen da und die Menschen sind nicht für das Recht da… Es besteht die Möglichkeit, dass die Institution des Rechts korrumpiert und sich zu sehr löst von der Gesellschaft. Klar muss das Recht eine gewisse Distanz haben zur Gesellschaft, aber es stimmt doch mit den Grundüberzeugungen der meisten Leute überein… noch…
10. HeroicDreams 06.Feb. - 23:18
Ich bin kein Kantianer und halte Kants Ethik für lebensfeindlich, und den gesamten altruistischen Moralkomplex für politisch gefährlich. Dass Moral in erster Linie in einem gesellschaftlichen Kontext relevant ist, ist so ein Produkt des Altruismus, der Moral eben essentiell in Bezug auf die eigene Stellung zu anderen bestimmt — und dabei das eigene Leben als völlig irrelevant und amoralisch hinstellt, manchmal sogar als böse (und das steckt bei Kant m.E. implizit drin, bei allen seinen Abfälligkeiten gegen die Glückseligkeit und seine Forderung, Moral und das Streben nach Werten völlig voneinander zu trennen, und Tugend gegenüber ihrer Rolle im Leben zu verselbständigen, sie im Zweifelsfall sogar gegen das Leben selbst auszurichten). Ich gehe da eher mit den alten Griechen, die Moral als etwas betrachteten, was in erster Linie das eigene Leben betrifft, und einem Richtlinien gibt, wie man sein eigenes Leben zu organisieren hat, um zu gedeihen, Erfolg zu haben, glücklich zu werden. Zwischenmenschliche Beziehungen kommen darin vor, aber sie sind nicht der Grundstein der Ethik. Das Recht ist es schon eher, weil das Recht nämlich die Handlungsfreiheiten einzelner Individuen in einer Gesellschaft gegeneinander abgrenzt, und daher auch nur in sozialem Kontext erforderlich ist. Wo es keinen Konflikt zwischen Handelnden geben kann, ist Recht überflüssig, denn die Funktion des Rechts ist es eben, solche Konflikte friedlich zu lösen, d.h. eine Gesellschaft vor dem Bürgerkrieg zu bewahren (und, wenn ich mir die heutige Gesellschaft mit ihrem Privilegienschacher zu ansehe, dann muss ich an einen kalten Bürgerkrieg denken).
Ich glaube nicht, dass Recht oder Moral im Kern geschichtlich bedingt sind. Gewiss, variierende Rahmenbedingungen erfordern varrierende Anwendungen — aber die Prinzipien, die angewandt werden, bleiben doch immer gleich, denn im Kern bleibt der Mensch doch immer der Mensch: sein Leben hat immer spezifische Erfordernisse und er hat immer spezifische Vermögen (vor allem die Vernunft), diese Erfordernisse zu erfüllen, auch wenn der Kontext sich wandelt, in dem er das tut.
Ich finde den Begriff Menschenwürde schwierig, weil er so schwammig ist. Ich kenne niemanden, der mir eine präzise Definition geben kann, und die meisten Menschen, die ihn benutzen, haben auch mehr im Gefühl, was das sein soll, als im Verstand. Ich glaube, die Väter des Grundgesetzes haben sich da in erster Linie auf Kant bezogen, aber ich bin unsicher, inwieweit das in der Rechtsprechung überhaupt Berücksichtigung findet.
Ich stimme dir zu, dass rechtliche Bestimmungen von Menschen gemacht sind und selbstverständlich keinen Selbstzweck haben, sondern ihren Zweck darin finden, ein für alle Menschen gedeihliches Zusammenleben zu ermöglichen. Aber das bedeutet eben auch, dass Rechtsbestimmungen nicht nach Belieben sein können, denn ein Zweck lässt sich eben mit bestimmten, nicht mit beliebigen Mitteln erreichen. Das Recht muss sich nach der spezifischen Lebensweise der Spezies Mensch richten, wenn eine Population Menschen unter ihm gedeihen soll — um mal eine etwas platt biologische Metapher zu verwenden.
Ich stimme Dir übrigens zu, dass unser gegenwärtiges Recht im Kern mit der gesellschaftlich akzeptierten Moral übereinstimmt. Die vorherrschende Moral ist eine Variante des Altruismus, der Auffassung, dass der Mensch für andere Menschen leben, ihre Not lindern etc. muss, und nur darin seine eigene Daseinsberechtigung findet. Und wenn der Mensch kein Recht hat, für sich als Individuum zu existieren, sondern sich durch seine Selbstaufopferung anderen gegenüber legitimieren muss, dann gibt es auch keinen Grund, dem Individuum als solchem irgendwelche Rechte zuzusprechen. An die Stelle individueller Rechte treten dann zumeist irgendwelche Kollektivrechte, mit denen irgendwelche Gruppen, die sich als benachteiligt auffassen, Anrechte auf den materiellen Besitz oder die Arbeitskraft anderer Menschen stellen, also ihre Absicht bekunden, diese zumindest teilweise zu versklaven und auszubeuten. Die beliebtesten Opfer sind natürlich diejenigen, die besonders viel leisten und erwirtschaften; aber das Ganze funktioniert auch wunderbar andersherum. Die Herren Wirtschaftskapitäne benutzen auch gerne das Gewaltmonopol, um sich selbst Privilegien gegenüber der Konkurrenz zu verschaffen, und kennen allerlei Rechtfertigungsstrategien dafür. Wie gesagt, kalter Bürgerkrieg, in dem die staatliche Ordnungsfunktion pervertiert und das Gewaltmonopol instrumentalisiert und missbraucht wird. Die größten Profiteure dabei sind die führenden Politiker, die letztlich vollziehen, was in der Gesellschaft angelegt und gefordert wird, und entscheiden, wer von wem ausgebeutet werden darf… womit die gesamte Gesellschaft zunehmend in die Abhängigkeit der Machthaber gerät, deren Macht immer größer wird, in immer mehr Lebensbereiche vordringt und immer willkürlicher wird…
Add comment March 19, 2008